Was tun! Medienmenschen
Bild: DHBW Engineering Stuttgart

Was tun! Medienmenschen

Harald Schmidt hatte keine Zeit, Charlotte Roche glaubte nicht an die Verwirklichung und der Papst war verhindert. Ein Text landete schließlich im Papierkorb, weil ihn der Gesprächspartner – eigentlich an Provokationen gewöhnt - nicht freigeben wollte. Auch die anderen Interviews mussten erst den Textchef, die Gesprächspartner (und deren Anwälte) passieren, bevor sie Aufnahme fanden im Buch “Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert.”

Von Ute Blindert.

Für das “Experiment” zogen Bernhard Pörksen, Professor am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Hamburg, und Jens Bergmann, Redakteur des Wirtschaftsmagazin “Brand eins”, 26 Studentinnen und Studenten zur Mitarbeit heran. Diese mussten sich für das Seminar mit Lebenslauf und Arbeitsproben bewerben – nicht alltäglich an einer deutsche Uni.

Die beiden hatten sich etwas besonderes ausgedacht: Für das Buch sollten Prominente zu ihrer Haltung und ihrem Verhältnis zu den Medien befragt werden.

Schließlich konnten die angehenden Journalisten Persönlichkeiten wie Joschka Fischer, Michel Friedman oder Günter Netzer befragen. Für die Recherche öffnete Spiegel Online sein Archiv, und Arno Luik vom Stern berichtete über eigene Erfahrungen. Bernhard Pörksen schließlich trainierte seine Schützlinge in Interviewtechnik.

Aufgeregt vor jedem Gespräch waren sie trotzdem - und bestens vorbereitet. Man müsse schon sehr gut vorbereitet sein, um einen Gesprächspartner mit gezielten Konfrontationen aus der Reserve zu locken, betont Carolin Wiedemann im Interview. Dass das fertige Material auf Band noch lange nicht das Ende der Arbeit war, lernten sie außerdem. Der Text musste geschrieben, redigiert und die Aussagen dabei auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Zum Schluss mussten die Interviewten die Texte freigeben: Manche konnten sehr gut zu ihren einmal geäußerten Worten stehen wie Gregor Gysi oder Michel Friedman und autorisierten unkompliziert und schnell. Andere zögerten länger oder hatten Änderungswünsche, doch am Ende gingen alle Gespräche – bis auf das mit Christoph Schlingensief, der sich nicht zur Freigabe bewegen ließ – in Druck.

Das Medieninteresse nach Erscheinen des Buches war beträchtlich: Vorabdrucke bei Spiegel Online , in der Frankfurter Rundschau, Interviewanfragen von der VOGUE, dem Hessischen Rundfunk und dem WDR führten dazu, dass sich die Journalistik-Studenten bald fragten, ob sie nun selbst zu “Medienmenschen” werden. “Wir haben das Gefühl, nur allein dadurch, dass wir mit Prominenten gesprochen haben, seien wir nun auch so etwas wie prominent. Dabei sind wir Journalisten. Wir wollen nicht auf die andere Seite gezogen werden”, erklärte Carolin Wiedemann, die als Pressesprecherin des Projekts häufig Kontakt zu den Medien hat.

Zukx traf sich zum Gespräch mit Linnea Riensberg, Franziska Silbermann und Carolin Wiedemann. Die drei führten in unterschiedlicher Zusammensetzung Gespräche mit Michel Friedman, Gregor Gysi, Tim Mälzer, Paul Sahner und Christoph Schlingensief.

Wart ihr sehr aufgeregt vor den Gesprächen?

Carolin: Vor dem Interview mit Christoph Schlingensief saßen Franziska und ich in einem Berliner Café. Du bist andauernd zur Toilette gesprungen, und ich hatte ganz verschwitzte Hände... (Franziska lacht.) Es war für uns alle ja das erste Mal, dass wir mit so prominenten Leuten zu tun hatten.

Linnea: Bei unserem Gespräch mit Michel Friedman war es so, dass meine Teampartnerin so aufgeregt war, dass ich selbst ganz ruhig wurde.
Wenn wir woanders hinfahren mussten, kam zur normalen Aufregung noch der ganze Reisestress mit Anreise, Hotel und Orientierung in einer fremden Stadt dazu.

Carolin: Ich habe es zwei Mal erlebt, dass wir in der Umgebung des Prominenten waren. Christoph Schlingensief haben wir im Theater interviewt, Gregor Gysi in seinem Bundestagsbüro. Das habe ich als einschüchternd empfunden. Beide waren an ihrem Stammplatz. Bei Gysi war es sogar so, dass das nächste Team schon vor der Tür darauf wartete, dass wir endlich fertig wurden.

Wie seid ihr während der Gespräche vorgegangen?

Linnea: Meine Kommillitonin preschte beim Friedman-Interview ganz schnell vor, und da wir uns nicht so gut kannten, mussten wir während des Gesprächs einen Weg finden. Meine Kollegin startete also sehr forsch, und allmählich fand ich mich in die Rolle der Ruhigen: „Ja, aber Herr Friedman...“ Dann gab sich Michel Friedman plötzlich ganz anders und hatte dann fast so etwas wie zwei Rollen auf einmal. Er war dann nicht mehr so „Tatatata”, sondern lehnte sich selbst gemütlich zurück und wurde ganz jovial: „Ach, Sie wissen doch, wie das ist...“.

Das hört sich nach einem Vorgehen à la „Bad cop, good cop“ an?

Linnea: Ja, das könnte man so sagen.

Carolin: Das ist eben auch das Gute an der Teamarbeit, dass man noch mehr Facetten aus dem Prominenten herausbekommt. Bei Schlingensief war ich die Aktivere in der Interviewführung. Franziska hakte dafür an Stellen nach, auf die ich gar nicht weiter eingegangen bin.

Dann habt ihr eure Gesprächspartner bewusst provoziert?

Carolin: Ja, mit einer gezielten Konfrontation kann man den anderen aus der Reserve locken. Damit wird das Ganze gleich zu Beginn auf eine emotionalere Ebene gehoben, bei der sich der andere eher öffnet, als wenn man nur die üblichen Fragen stellen würde.

Linnea: So waren wir gleich auf einer Ebene, auf der die Leute einen Ernst nehmen. Michel Friedman betonte immer wieder: “Ich mache das ja gerne, ich streite mich ja gern mit Ihnen.”

Bei jedem Gespräch haben wir versucht, auf einem hohen Level anzufangen. Wir hatten allerdings sehr viel Vorwissen, da wir uns viel Zeit zur Vorbereitung genommen hatten.

Carolin: Sonst ist eine Konfrontation nicht möglich. Man muss schon sehr gut vorbereitet sein. Sonst steht man ganz schnell blöd da, wenn einem die Argumente ausgehen.

Zu Beginn des Projekts stand die theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Mediengesellschaft und deren Inszenierung in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Unterhaltung und Sport. Die Studierenden untersuchten, was zwischen Medien und Prominenten passiert und wie beide miteinander spielen.

Bereits zwei Jahre vorher hatte Bernhard Pörksen ein anderes Projekt mit seinen Studenten verwirklicht, das “Trendbuch Journalismus” und dafür Journalisten wie Anne Will (Tagesthemen) und Kai Diekmann (Bild) interviewt. Ein Jahr später folgte ein weiteres Interviewseminar, in dem Medienwissenschaftler wie Norbert Bolz und bekannte Online-Journalisten wie Peter Glaser oder Christoph Schultheis befragt wurden.


Die spannenden Gespräche können auf der Website www.webwatching.info nachgelesen werden

Ein Semester lang bis in die Ferien hinein arbeiteten die Studenten an dem Buchprojekt. Momentan steht die Vermarktung im Vordergrund: Sie verschicken Rezensionsexemplare, kümmern sich um die Vorabdrucke und geben Interviews.

Wie gestaltete sich die Arbeit in eurer Gruppe?

Carolin: Da wir uns für dieses Seminar bewerben mussten, wurden gleich die Leute abgeschreckt, die nicht so viel Engagement aufbringen wollten. So waren wir letzten Endes eine sehr engagierte Truppe, die schnell eine Gruppendynamik entwickelte.

Ständig gab es irgendwelche Sonderrollen, wer welche Liste führt, wer eine andere. Jeder übernahm mal eine Extra-Aufgabe.

Es hing vielleicht damit zusammen, dass wir immer zu zweit gearbeitet haben, aber nicht in festen Zweiergruppen. Franziska und ich haben Schlingensief befragt, Franziska und Linnea Michel Friedman. So waren es dann immer zwei ineinander greifende Hände. So kam es wohl auch, dass sich alle für alle verantwortlich gefühlt haben.

Wie war die Resonanz? Seid ihr gleich für voll genommen worden?

Carolin: Die Prominenten, die jetzt im Buch sind, haben von Anfang an sehr offen auf das Projekt reagiert. Wir mussten allerdings schon zeigen, dass es uns wirklich ernst ist mit dem Buch. Da wir am Anfang die absoluten Top-Prominenten angeschrieben haben wie Gerhard Schröder und Harald Schmidt, haben wir auch erst einmal ein paar Absagen einkassiert.

Franziska: Der Papst war auch geplant...

...der wollte dann aber nicht?

Franziska: Er hatte keine Zeit für uns. Es war sehr schwer, an ihn heranzukommen.

Aber noch mal zur Resonanz: Von den Dozenten wurde verlangt, dass wir uns sehr, sehr gut vorbereiten. Wir mussten vorher 20 Wissensfragen formulieren, also Fragen, die auf recherchiertem Wissen basieren. So wird man zum Experten dieses Prominenten. Fast so, als würde man diese Person besser kennen als man selbst. So sollte man in ein solches Interview gehen.

Carolin: Diese Wissensfragen sind wie Thesen, mit denen man den anderen konfrontiert: Ist es denn auch wahr, was wir da über dich wissen?

Was zieht ihr nun aus diesem “Experiment”?

Linnea: Es sind tolle Arbeitsproben. Die Vorabdrucke in den Zeitungen sind natürlich klasse, wie das Gespräch mit Verona Pooth ist auf einer Doppelseite in der Frankfurter Rundschau. Was will man mehr, das ist ein Traum von ganz vielen.

Carolin: Was man auch noch gelernt hat, neben dem Interviewschreiben natürlich, ist dieser komische, unbegründete Respekt vor den Prominenten, die man selbst eben auch nur aus den Medien kennt. Der wird einem genommen. Außerdem durchschaut man dieses Mediensystem ganz anders.

Franziska: Wir haben gelernt, dass man sehr sorgfältig arbeiten muss. Eine Autorisierung muss schriftlich vorliegen. Man kann einfach nicht wissen, ob bei einem Prominenten die Stimmung mal umschwenkt und dann ist es enorm wichtig, dass man alles schwarzaufweiß hat.

Jetzt seid ihr ja nun auch ein Teil der Mediengesellschaft. Was tut ihr denn gerade hier?

Carolin: Ein bisschen ist das jetzt schon so, nur weil wir Prominente interviewt haben, sind wir nun auch so ein bisschen prominent. Das war aber nicht unsere Motivation!

Franziska: Letzten Endes geht es um unser Projekt und nicht um uns als Personen.

Carolin: Es war toll, aber jetzt reicht es auch erst einmal. Wir sind ganz froh, wenn es mal wieder ruhiger läuft


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Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hg.):
Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert. Gespräche mit Joschka Fischer, Michel Friedman, Gregor Gysi, Regina Halmich u.v.a., Solibro Verlag Münster 2007, ISBN 978-3932927-32-4, 19,80 €.

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