Was tun! 360° - Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft

Eine rote Faust, angefüllt mit Etiketten “Made in China”, im Hintergrund eine stilisierte Skyline von Shanghai oder einer anderen Megacity, dazu die gelben Sterne der chinesischen Flagge. “China als globaler Faktor im 21. Jahrhundert” lautet das Thema der ersten Ausgabe von “360°”, dem “Studentischen Journal für Politik und Gesellschaft”.

Von Ute Blindert.

Frühlingsstimmung in Münster

An einem dieser typischen wolkenverhangenen Tage Anfang März, grau, zwischendurch Regen, nicht warm, aber auch nicht mehr winterkalt, treffe ich mich mit Dominic Schwickert und Johannes Mayer. 

Dominic Schwickert sitzt im Vorstand des Vereins “dreihundertsechziggrad e. V.”, der die Zeitschrift herausgibt. Johannes Mayer arbeitet für den Bereich “PR”.

 Bild: 360grad

Bild: 360Grad e.V.

Chancenlücke für Studenten

“360°” entstand als Produkt eines Studiensemesters in Kalifornien, das Dominic Schwickert an der University of California Santa Barbara verbrachte. “In den USA veröffentlichen die Universitäten gute Arbeiten ihrer Studenten.” Zurück in Deutschland fiel ihm auf, wie schwer es für Studenten hierzulande ist, wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen. “`Das ist doch eine Marktlücke!´, dachte ich mir.”  Johannes Mayer ergänzt: “Vor allem war es eine Chancenlücke für Studenten. Wir geben Ihnen nun die Möglichkeit, ihre Kompetenz zu zeigen.”

Für jede Ausgabe der “360°” gibt es eine Ausschreibung mit einem Termin, bis zu der die Artikel eingereicht werden können. An die 40 bis 50 Artikel erhält die Redaktion, unter denen eine erste Vorauswahl – nach Anonymisierung der Texte - getroffen wird. 15 bis 20 Texte erhalten die Gutachter zur Beurteilung.

Sehr geschätzt: Ausführliche Stellungnahmen

Das Team der Gutachter setzt sich zusammen aus Professoren, Dozenten und Doktoranten. Ausführliche Stellungnahmen wissen die 360°-ler besonders zu schätzen: “Das hilft uns mehr, als wenn einer immer nur kurz mit `Ja´ oder ´Nein´ antwortet. Wenn jemand genau beschreibt, aus welchen Gründen eine Argumentation nicht schlüssit ist, wissen wir das natürlich viel besser einzuordnen.” Überrascht waren sie von der Qualität der Arbeiten. “Während des Auswählens wissen wir ja nicht, wer welchen Text geschrieben hat. Am Ende stellte sich dann manchmal heraus, dass die Arbeit eines Viertsemesters gedruckt wird, während der Text eines Doktoranten schon in der ersten Runde herausgefallen ist”, berichtet Johannes Mayer.

Aufnahme in das Heft finden sieben bis zehn Texte. Dazu kommen noch ein Gastbeitrag aus dem Beirat und ein Experteninterview.

Als Dominic Schwickert seinem Mitbewohner und Kommilitonen Oliver Liedtke von seinen Überlegungen erzählte, wurde aus der vagen Idee schnell ein konkretes Projekt. Bald fanden sich weitere Mitstreiter, so dass sie Ende 2005 den Verein gründen konnten. Damals waren sie zu siebt. Heute zählt das Team bereits 37 Mitglieder.

 Bild: 360grad

Das 360°-Team, Bild: Philip Harborth

Entscheidend: Kommunikation über ganz Deutschland

Auch wenn nun mehr Leute die Arbeit erledigen können, brachte die rasante Zunahme an Manpower auch viele Überlegungen zu Struktur und Kommunikation in Gang. “Wir sind ja nicht mehr nur in Münster vertreten, sondern auch in Hamburg, Berlin, Freiburg, Marburg und Frankfurt. Da alle auf einem Informationsstand zu halten und auch das Team zusammenzuschweißen, ist gar nicht so einfach”, berichtet Dominic Schwickert. “Eine Person bei uns ist nun allein für den Newsletter verantwortlich, um alle mit wichtigen Neuigkeiten zu versorgen.”

Die erste Ausgabe von “360°” erschien im Oktober 2006, im Format Din A5 mit einem Umfang von 128 Seiten. Die knappen Angaben beschreiben den professionellen Eindruck nur sehr unzureichend, den das Journal auf den Leser macht.

Der junge türkische Designer Burak Korkmaz aus Istanbul, gerade einmal 21 Jahre alt, lieferte ein Heftdesign ab, das sich vor Produkten aus großen Verlagen nicht zu verstecken braucht. Klare, sachlich gestaltete Seiten wechseln sich ab mit kleinen Gimmicks, die erst auf den zweiten Blick auffallen. Neben Beiträgen zu Themen wie “Chinas wirtschaftlicher Aufstieg” oder “Herrschaft des Volkes durch Herrschaft des Westens? China und die Transformationstheorie”, beschäftigt sich ein Artikel mit “Umweltaktivismus in der Volksrepublik” und ein weiterer mit dem chinesischen Kunstmarkt.

Arbeit unter Zeitdruck

Die Entstehung der ersten Ausgabe gestaltete sich abenteuerlich: “Zeitlich hatten wir uns völlig verschätzt und zu wenig Puffer eingebaut. Also saßen wir am Ende - bei immer näher rückendem Drucktermin - zu dritt an unseren Rechnern und haben das Heft zusammengestellt und gesetzt.” Das hieß drei Tage lang Arbeiten, unterbrochen nur von kurzen Pausen, berichtet Dominic Schwickert mit einem Grinsen: “Wir haben praktisch in Schichten geschlafen und gearbeitet. Wenn Burak, unser Layouter, am Design der Seiten saß, haben wir uns drei Stunden hingelegt. War er fertig, schlief er ein bisschen und wir konnten wieder Korrektur lesen. Das war richtig stressig. Aber natürlich ein tolles Teamwork.” Um die fertigen Daten pünktlich bei der Druckerei abliefern zu können, kam noch ein Kommilitone aus Marburg und brachte alles nachts nach Frankfurt. “Coole Sache!“

Als sie das fertige Heft in Händen hielten, konnten sie es kaum fassen. “Wir sind abends zusammen essen gegangen und haben die Exemplare von Hand zu Hand gereicht. ´Hier guck mal.`- ´Hier, den Fehler haben wir übersehen.´ - ´Das darf beim nächsten Mal nicht passieren...´” erzählt Dominic Schwickert und Johannes Mayer ergänzt: “Wir lehnen uns ja auch nicht zurück, sondern wissen, dass wir erst am Anfang stehen.”

Mit den fertigen Exemplaren fing die eigentliche Arbeit erst an. Von den 3.000 Exemplaren musste ein Großteil zum Preis von 3,50 Euro verkauft werden, um die Unkosten wieder hereinzubekommen. Ein (Verkaufs-)Krimi begann: Kartons wurden eingeladen, um an anderen Uni-Standorten verkauft zu werden. Schließlich schafften sie es, die erforderliche Anzahl loszuschlagen. “Einige von uns waren ja in Vorleistung gegangen und hatten eigenes Geld riskiert. So waren wir sehr froh, dass unser Verkauf klappte”, berichtet Johannes Mayer. Eine Förderung des Fördervereins und des Studentenparlaments halfen zusätzlich.

Für die nächste Ausgabe, die sich mit dem Thema “Migration – Entfesselung neuer Kräfte?” beschäftigt, konnten sie bereits sieben Anzeigenkunden von ihrem Konzept überzeugen. Johannes Mayer: “Diesmal hatten wir ja auch schon etwas vorzuweisen. Beim letzten Mal haben natürlich auch viele gefragt, ob wir ein Probeexemplar zuschicken könnten. Das hatten wir den Interessenten zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht anbieten.”

Mitte April erscheint die zweite Ausgabe von “360°”. Die Ausschreibung für die Herbstausgabe “Die Zukunft Europas - Gemeinsam einsam?” läuft momentan und endet am 1. Juni. Für Kontinuität ist also erst einmal gesorgt. “Davor haben uns die Kuratoren von Anfang an gewarnt; eben nur eine Eintagsfliege zu sein, ein Heft vorzulegen und dann die Arbeit einzustellen”, sagt Dominic Schwickert im Gespräch.

Danach sieht es momentan nicht aus. Und das ist auch gut so. Ich jedenfalls bin schon auf das neue Heft gespannt.


Was tun!

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