Es kommen auch Abiturienten, manchmal sogar Rentner, aber die Mehrzahl der Teilnehmer sind Leute, die ein Studium gemacht und ein paar Jahre gearbeitet haben, oft auch Studienabbrecher, die dann herumgejobbt haben und mit Mitte 30 sagen: „ Das kann es nicht gewesen sein!“.
Die Kurse zur Berufsfindung von Uta Glaubitz sind so konzipiert, dass vier Teilnehmer und sie als Leiterin zugegen sind. Am Vorabend wird locker gestartet, mit einer Art Vorsichtung durch Fragen wie „Was will ich werden? Von was träume ich wirklich?“ Am nächsten Tag werden dann für jeden der Teilnehmer ein Plan geschmiedet, mit denen sie ihrem Traumberuf näher kommen sollen.
Inwieweit ist Berufsfindung für Studenten überhaupt relevant?
Studenten beschäftigen sich lieber mit den zunächst anliegenden Aufgaben, der nächsten Hausarbeit, ihrer Diplomarbeit. Nach dem Diplom muss man erst einmal einen Job finden und Geld verdienen. Oft dauert es nach dem Abschluss noch Jahre, bis sie überhaupt über die Berufsfindung, also die Frage „Was will ich beruflich wirklich machen?“ nachdenken.
Da diese Frage aber Selbstreflexion, also das Nachdenken über sich selbst, beinhaltet, haben die meisten Leute Angst davor und schieben eine Auseinandersetzung damit gern auf.
Was empfehlen Sie denn Abiturienten, die ihren Traumjob finden wollen?
Die erste Regel lautet: Nur eine Banklehre zu machen, wenn man Bankdirektor werden will, sonst nicht! Viele Abiturienten beginnen eine Banklehre, weil sie meinen, das wäre eine gute Grundlage für alles. Ich finde, das ist eine gute Grundlage, wenn man Bankdirektor werden will. Aber für Kinderbuchautor, Berufsberater oder Sportjournalist, eben nicht.
Wichtig ist es erstens, überhaupt erst einmal zu kapieren, dass es eine wichtige Frage ist. Also: Nicht einfach irgendetwas zu machen, weil es sich gerade anbietet. Am besten auch nicht auf Eltern zu hören, weil Eltern eben keine Berufsberater sind.
Der Beruf wird mein Leben bestimmen, daher sollte ich die Frage ernst nehmen. Statt irgendwelchen Moden hinterherzulaufen, sollte ich mich bewusst entscheiden und mich nicht bequatschen lassen von Leuten, die behaupten, mit diesem oder jenem Studiengang könne man sein Geld verdienen. Schließlich kann ich nicht jedes Jahr mein Studienfach wechseln, weil man in dem einen Jahr mit Latein und im nächsten Jahr mit Medizin und im dritten Jahr mit Maschinenbau sein Geld verdienen kann.
Und dann, zweitens, würde ich mir ganz unabhängig von einem Studium Gedanken machen, was ich aus mir selbst heraus gern mache. Wofür ich am Wochenende aktiv bin und ganz Nächte durcharbeite, ohne es zu merken?
In Ihren Seminaren kommt sogar die „gute Fee“?
Ja, aber zuerst lenke ich die Teilnehmer vom Thema Beruf ab, da das keine gute Basis ist. Die meisten reagieren verschlossen oder versuchen auszuweichen. Als Basis brauche ich aber eine andere Art von Energie, die mehr zu tun hat mit Spaß, Motivation, Leidenschaft, Leben.
Also spreche ich über Situationen, in denen sie z.B. freiwillig früh morgens aufgestanden sind. Oder die ganze Nacht durchgearbeitet haben und es gar nicht gemerkt haben. Das sind zum Beispiel Situationen, wo sie einen Geburtstag vorbereitet oder einen Segelschein gemacht haben. Oder als sie ihr Karnevalskostüm selbst genäht haben.
Dann stelle ich die Frage mit der Fee: „ Stellen Sie sich vor, eine Fee kommt zu ihnen und sagt, dass Sie einen Berufswunsch frei haben. Was würden Sie sich wünschen?“
Die meisten Leute sagen dann, dass sie dafür ja hier bei der Berufsfindung wären. „Das wollen sie der Fee sagen?“ frage ich dann, „Ich weiß nicht. Es ist ja ihr Leben, aber es wäre ja jetzt der Fee gegenüber blöd zu sagen: „Ich weiß nicht“. Dann würde ich eher „Bundeskanzlerin, Päpstin, Ärztin oder Rockstar“ sagen!“ Dann löst sich die Spannung schon ein bisschen und allmählich kristallisiert sich der Kern immer mehr heraus. Schließlich gebe ich ein Feedback: „Claudia, wenn wir über Ihr Jurastudium sprechen, dann hört sich das nicht so an, als würde sie das irrsinnig interessieren. Aber mir ist aufgefallen, dass Sie vorhin über Ihren ersten Segeltörn ganz anders gesprochen haben...“ Dazu müssen Sie dann Stellung beziehen, mir Recht geben oder nicht.
Selbst wenn jemand meint, dass ich unrecht habe, muss er ja über meine Argumente nachdenken und eine Haltung dazu einnehmen.
In
dieser Auseinandersetzung, meinen Fragen, Ihren Überlegungen und
Antworten, meinem Feedback, entsteht etwas neues.
Es passiert
nicht, dass jemand mein Seminar besucht und fragt, was er denn machen
solle und ich antworte: „Ich finde, Sie sollten
Schokoladenentwickler werden,“ sondern wir führen einen
Dialog. Natürlich beeinflusse ich den Dialog, weil ich für
eine bestimmte Meinung plädiere. Das mache ich aber transparent:
„Melanie, Sie müssen mir nicht folgen. So wie es bei mir
ankommt (und ich betone immer meine Subjektivität), ist Ihnen
die Kunst das Allerwichtigste.“
Daraufhin mache ich Vorschläge in diese Richtung, also Kostüm, Bühnenbild, Grafikdesign, Künstleragentin. Dafür mache ich mich stark und plädiere dafür. Auch wenn ich falsch liegen sollte, nähern wir uns durch diesen Dialog einem Beruf an.
Dann freuen sich sicher die meisten Leute, dass sie endlich etwas gefunden haben...?
Von wegen. Die meisten Leute denken: „Wenn ich endlich wüsste, was ich machen will, dann würde ich mich frei und stark fühlen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Wenn man sich einer Entscheidung nähert, fühlt man sich erst recht klein und hässlich. Leider muss ich dann sagen: „Leute, ihr hofft, dass damit das Leben leichter ist, aber dann fängt die Depression erst richtig an“.
Wie kann ich denn dagegen angehen?
Das
Einzige, was dagegen hilft, ist, etwas dagegen zu tun. Tief Luft zu
holen und den ersten Schritt zu machen. Wenn ich Marathon laufe und
die ganze Zeit an die 42,195 km denke, werde ich es nicht schaffen.
Ich muss zwar am Anfang sagen, dass dies das Ziel ist, aber dann
konzentriere ich mich auf den nächsten Schritt. Der
Marathonläufer konzentriert sich auf den nächsten
Kilometer, aber nicht auf die nächsten 22 Kilometer.
Also
entwerfen wir zusammen im Seminar einen Plan, auf dem steht: „Ich
werde Tauchlehrer, Eventmanager, Kostümdesignerin etc. und
folgendes sind meine ersten Schritte“. Dabei helfen die anderen
Teilnehmer immer mit.
Trotzdem kann man natürlich sagen „Nein, das will ich aber nicht.“. Das kann man machen. Wichtig ist mir nur, immer eine Entscheidung herbeizuführen oder den Leuten zumindest klar zu machen, dass gar nichts passieren wird, wenn sie sich nicht entscheiden. Wenn sie also etwas erreichen wollen, egal in welchem Beruf, dann auf der Grundlage von Entscheidungen.
Wenn die Leute sagen „Ja, ich weiß, es gibt eben nicht das Eine, für das ich mich so richtig begeistern kann,“ dann erkläre ich ihnen, dass es eben das Eine, wo man sich 100 prozentig sicher sein kann, sowieso nicht gibt. Die Leute wollen sich zweifelsfrei für den einen Beruf entscheiden, bei dem sie sich ganz sicher sind. Das gibt es nicht oder nur sehr selten. Was es aber gibt, ist eine Entscheidung. Für alles gibt es Vor- und Nachteile. Trotzdem muss man eben eine Entscheidung treffen und beschließen: „Das mache ich jetzt“.
Wie muss ich mir denn so einen Plan vorstellen?
Also, nehmen wir mal folgendes Beispiel: „Ich will Eventmanager werden und dies sind meine nächsten Schritte:“.
Der 1. Schritt: Ich gehe auf die Internetseiten von „Werben & Verkaufen“. Dort gibt es eine kleine Datenbank mit Eventagenturen. Ich gucke ich mir alle Agenturen in meinem Postleitzahlenbereich an.
2. Schritt: Dann kaufe ich mir ein Probeabo „Eventpartner“ einer Eventfachzeitschrift.
3. Schritt: Ich besuche die Internetseiten der Eventagenturen, die ich recherchiert habe.
4. Schritt: Ich besuche Events von den größten Eventagenturen in meiner Umgebung. Und mache mir Stichpunkte, was dort gut oder nicht so gut läuft.
5. Schritt: Ich fahre zur „World of Event“, zur Eventmesse nach Wiesbaden.
6. Schritt: Und dann bewerbe ich mich bei drei Eventagenturen, zu denen ich auf keinen Fall will.
Ein Beispiel für eine radikale Umorientierung ist Steffen. Der promovierte Biologe arbeitet am Max-Planck-Institut in Berlin, als ihn mit 38 Jahren das Gefühl beschleicht: „Das kann es nicht gewesen sein. Das kann nicht mein Leben sein.“ Im Seminar zur Berufsfindung entwickelt Steffen den Plan, Weinbauer zu werden. Seine damalige Freundin weiß zunächst nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Schließlich heiraten sie auf einem südafrikanischen Weingut. Vor zwei Jahren kündigte er seinen Job und zog mit seiner Familie nach Wiesbaden, um dort sein Studium an der Weinbau-Hochschule zu beginnen. Heute sorgt seine Frau, ebenfalls Biologin, für den Familienunterhalt, während er sich als Halbtagsstudent um ihren Kind kümmert.
Weitere
Beispiele finden Sie unter
www.berufsfindung.de
Dabei bin ich für jedes Abenteuer zu haben, auch für schwierige Fälle. Ich überlege auch in verzwickten Situationen, also der allein erziehenden Hartz-IV-Empfängerin, wie es gehen könnte. Wichtig ist aber, dass Sie es emotional klären müssen. Denn wenn man das Emotionale nicht klärt, klappt auch der Rest nicht.
...und wenn die „gute Fee“ wieder weg ist?
Einige haben ihr Leben umgekrempelt – so wie Steffen -, viele andere dagegen sitzen zu Hause und überlegen sich viele Stunden, warum sie einen Beruf nicht machen können, mit genau den Gründen, die wir im Seminar schon besprochen hatten. Den meisten Leuten fällt es eben schwer, sich zu entscheiden.
Von Uta Glaubitz sind eine Reihe von Büchern zum Thema Berufsfindung erschienen.
Das wohl bekannteste ist Der Job, der zu mir passt. Das eigene Berufsziel entdecken und erreichen , Campus Verlag, ISBN 3593372193, 15,90 Euro.
Dieses Buch wird auch von Personalern gern empfohlen, da es hilft, sich ernsthaft mit den eigenen Zielen und Wünschen auseinanderzusetzen.
Ganz neu: Generation Praktikum. Mit den richtigen Einstiegsjobs zum Traumberuf . Heyne Verlag, ISBN 3453670132, 7,95 Euro.
