Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen – wie meistens

HP-Mitarbeiter sollen bei der Nachricht ihres Rauswurfs geklatscht haben, sie habe die legendäre Kultur des Unternehmens zerstört und als Adjektive finden sich vorwiegend: egomanisch, kalt, knallhart, „Kettensägen-Carly“ eben. Carly Fiorina hat nun ihre Biografie vorgelegt, und natürlich sieht sie alles ganz anders.

Von Ute Blindert.

Großen Raum nimmt in ihrem Buch „Mit harten Bandagen. Die Autobiografie“ die Zeit bei dem IT-Unternehmen Hewlett-Packard ein, deren Chefin sie von 1999 bis zum Februar 2005 war. HP hatte kurz vor ihrem Einstieg die Ausgliederung der hoch lukrativen Medizintechnik-Sparte beschlossen und dafür Agilent Technologies gegründet. Damit wollte sich das Unternehmen auf seine Kompetenzen im Computer- und IT-Geschäft besinnen und zu alter Stärke zurückfinden. Also holte man Carly, die vorher bei Lucent Technologies als Managerin gearbeitet hatte. Ihr traute man zu, den Umbau des Unternehmens zu schaffen.

HP stand vor gewaltigen Problemen. Fiorinas Aussagen zufolge, war aus der legendären Firmenkultur von HP schon längst eine Entschuldigung für schlechte Ergebnisse geworden, die sie und natürlich auch die Kontrolleure des Unternehmens nicht länger dulden konnten. Also baute sie um, wurde zum „Transformations-Manager“, der nicht zögerte, die Probleme anzugehen. Es kam zu Massenentlassungen, HP konzentrierte sich nun auf den Bereich IT und wandte sich neben dem Hardware-Geschäft zunehmend dem Service-Bereich zu.

Ende August 2001 wurde der Merger von HP und Compaq bekannt gegeben, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Nach der geplatzten Dotcom-Blase hatten sich viele große Merger als unrentabel erwiesen und dann folgte nach den Attentaten am 11. September ein weiterer Kurssturz der Aktienmärkte. Davon betroffen waren auch die Kurse von Compaq und HP.

HP-CEO Fiorina blieb bei ihrem einmal eingeschlagenen Kurs und allmählich zeigen sich die Früchte ihrer Arbeit: HP steht immer noch an der Weltspitze und der Merger mit Compaq gilt ebenso wie die Neuausrichtung als gelungen.

In ihrer CEO-Zeit und vor allem danach ist Carly Fiorina oft hart angegriffen worden. Sie selbst sagt, dass es über sie mehr Artikel gibt als über die Chefs von Enron, Tyco und Worldcom zusammen, denen unter anderem Aktienmanipulation und Milliardenbetrug vorgeworfen wurden.

Wie liest sich nun ihr Buch?

Zunächst einmal sehr spannend. Sie schreibt einfach, aber lebendig und es gelingt ihr, auch die eher trockene Thematik des Telekommunikations-Business, verständlich und gut lesbar herüberzubringen. Vor allem die Zeit bei HP liest sich dann stellenweise so spannend wie ein Krimi. Dabei schafft sie es, vor allem auf die Personen einzugehen, denen sie dankbar ist. Aber auch bei denen, die ihr übel mitgespielt haben wie Walter Hewlett, der den Merger mit Compaq versuchte zu hintertreiben, versucht sie immer wieder, auch die andere Seite mit einzubeziehen, ohne natürlich den eigenen Standpunkt zu vergessen.

Was grundsätzlich auffällt

Carly Fiorina schreibt vor allem meistens von harter, sehr harter Arbeit und von endlosen Gesprächen, Sitzungen, Fragen. Insofern ist sie wahrscheinlich wirklich weniger eine „charismatische Visionärin“, als die viele sie gern gesehen hätten. Die Leitsätze und Ideen für HP (oder auch für AT&T und Lucent Technologies) scheinen eher im Gespräch, im Austausch mit Mitarbeitern und Kollegen entwickelt worden zu sein. Was dann aber Fiorina Stärke gewesen zu sein scheint, beschreibt sie selbst ausführlich: das Umsetzen der einmal beschlossenen Ziele. In dem Punkt war sie wohl sehr konsequent und knallhart. Und vielleicht war das ja, wenn auch schmerzhaft, notwendig und sinnvoll.

Wirklich amüsant zu lesen sind ihre Anekdoten aus dem Leben einer, ja, Karrierefrau. Wie es sie einmal in ein Striplokal verschlägt. Oder wie sie in Südkorea eine Männerrunde unter den Tisch „trinkt“.

Ja, Karrierefrau. Die Thematik muss vielleicht auch noch angesprochen werden. Es gibt nicht so viele Frauen an der Spitze von Weltkonzernen. Deshalb sind die wenigen dem Rampenlicht besonders ausgesetzt. Das kann für die öffentliche Wirkung positiv, weil progressiv, oder negativ sein, wenn Probleme auftauchen, der Aktienkurs nicht auf Linie bleibt oder Entlassungen drohen. Möglicherweise ist der Ton dann schriller, und es wird mehr auf die „weichen Faktoren“ geachtet. Das ist sicherlich schade, aber vielleicht auch menschlich und wird sich sicher ändern, je mehr weibliche CEOs in der Presse begutachtet werden müssen.

Carly Fiorina: Mit harten Bandagen. Die Autobiografie. Campus Verlag Frankfurt/New York 2006, ISBN 978-3-593-38274-6, 24,90 Euro.