Folge 03: Von "Arschlöchern" und "Mentschen"
Bild: DHBW Engineering Stuttgart

Folge 03: Von "Arschlöchern" und "Mentschen"

In jedem Unternehmen gibt es - mal mehr, mal weniger offensichtlich: Arschlöcher. Robert Sutton hat sich dieser besonderen Spezies in unseren Büros angenommen und den "Arschloch-Faktor" beschrieben. Hört sich nach einem sinnvollen Ratgeber an, unser Autor Martin Rath hat dazu seine ganz eigene Meinung.

Von Ute Blindert.
Von Martin Rath

Bin ich ein „Arschloch“ oder ein „Mentsch“, wenn ich meine Meinung über das Buch gleich zu Beginn herausposaune? Egal, ich mache es meinem Idol Homer Simpson nach, lasse die Hosen herunter und rufe: „Der Arschloch-Faktor? - Laaangweiiilig!“

Robert I. Sutton: Der Arschloch-Faktor
Robert I. Sutton: Der Arschloch-Faktor,
Bild: Hanser Verlag
Robert I. Sutton würde mich darum vermutlich zu den Arschlöchern zählen, hätte aber aus zwei Gründen unrecht, die ich am Ende verrate. Doch zunächst Antworten auf die rhetorische Frage: Langweilig, warum?

Erstens, weil es mich gar nicht überrascht, wie der „Kollege A.“ von Sutton beschrieben wird. Ein Arschloch beleidigt, „betatscht“ Kolleg(inn)en oder schüchtert sie ein, hänselt, demütigt, lässt andere nicht aussprechen. Et cetera. Fazit also: Es gibt Kollegen, insbesondere Vorgesetzte, die nicht nett sind. Punkt. Wer daraus einen Erkenntnisgewinn ziehen kann, erwerbe das Buch. Mein Mitgefühl wird ihn begleiten.

Zweitens. Robert I. Sutton ist Management-Professor in den USA. Seine „Arschlöcher“ arbeiten also nicht in Unternehmen mit gesetzlichem Kündigungsschutz, Betriebsrat und Frauenbeauftragter. Hierzulande tun sie das. Seine Beispiele sind für die USA tauglich. Für mich sind sie langweilig.

Drittens: Sie wollen wissen, wie Sie mit Arschlöchern fertig werden können? Von Sutton erfahren Sie (zu) wenig. Besser ist hier Jens Weidners „Peperoni-Strategie“: Beispielreich, taktisch handgriffig.
Damit dürfte ich für Robert I. Sutton zu den Arschlöchern zählen. Ich bin aber keines.

Aus zwei Gründen: Erstens. Mein Ideal vom Chef- oder Kollegendasein beschreibt am besten eine Haltung, das jiddische Wort „Mentsch“. Ein Juraprofessor sagte mir einmal unter vier Augen: „Herr Rath, wenn Sie mit Jura nicht weiterkommen, studieren Sie doch was Anständiges.“ Seine Doktoranden, so hörte ich, stöhnen gelegentlich wegen seiner hohen Maßstäbe, seine Studenten erst recht. Aber was einen „Mentsch“ auszeichnet, sind Einfühlungsvermögen, Höflichkeit und Klarheit. Ich empfand den Tipp vom „Chef“ als „mentschlich“.

Zweitens. Im ersten Band ihres 33-teiligen Wörterbuchs weisen die Gebrüder Grimm nach, dass im Jahr 1112 „Arschloch“ eine geografische Ortsangabe gewesen sei. Nun schreiben wir aber das Jahr 2007 und ich muss mich nicht zu den „Arschlöchern“ zählen, sondern zu den „Kölnern“.

Köln, 8.2.2007

Robert I. Sutton: Der Arschloch-Faktor. Vom geschickten Umgang mit Aufschneidern, Intriganten und Despoten in Unternehmen. Hanser Wirtschaft, München/Wien 2006, ISBN 3-446-40704-9, 17,90 €.

Jens Weidner: Die Peperoni-Strategie. So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2006, ISBN 3-593-37788-8, 19,90 €.


„ARSCHLOCH, n. culus, anus. ahd. arsloh... mhd. arsloh... musz, wie arsbell, ortsname gewesen sein, ... erscheint im j. 1112 ein Arnulphus de Arsloh. nnl. aarsgat...“
J. u. W. Grimm: Deutsches Wörterbuch

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