Jürgen Hesse, Christian Schrader: Praxisbuch Small Talk. Gesprächseröffnungen, Themen, rhetorische Tricks. Eichborn Verlag Frankfurt 2007, ISBN 3-8218-5935-0, 14,90 Euro.
Der Titel verspricht ein bisschen zu viel, denn "rhetorische Tricks" - zumindest was ich darunter verstehe - sind kaum zu finden; sie im "Small Talk" einzusetzen, hieße ja vermutlich auch, mit den sprichwörtlichen Kanonen wehrlose Vögel abzuschießen. Wenig überraschend sind auch die seitenweise erläuterten Themenvorschläge: Wetter! Urlaub! Vorsicht bei der lieben Politik, CSUler können nicht mit PDSlern! Ach, da fuhr mir bei der Lektüre doch ein Seufzer aus der Seele: Denn, ob dem, der in seiner Smalltalk-Kommunikations-Kompetenz (kurz: SmaKoKo) seinen von Recruitern abgefragten Low-Skill-Faktor entdeckt hat, damit geholfen ist?
Langweilern, so möchte ich aus
eigener Erfahrung beichten, ist damit nicht arg geholfen. Denn ich
würde "Small Talk" weniger nüchtern übersetzen mit:
Entweder
"Ödes/blödes/langweiliges Geschwätz" (gefühlt: 90 Prozent)
oder
"Beginn eines - möglichst (berufs-) lebenslangen - Gesprächs in einer
wunderbaren/nützlichen/erträglichen Bekanntschaft (gefühlt: 10
Prozent).
Da ich bei den üblichen Small-Talk-Anlässen (meint: den
vorstehenden 100 Prozent), wenn Menschen im Party-, Event- oder
Betriebsrudel auftreten, meist schon vor dem wechselseitigen
SmaKoKo-Test (oder spätestestens nach den ersten zehn Sekunden) weiß,
ob ein Gespräch beginnt oder Geschwätz droht, wäre es mir lieber
gewesen, Hesse und Schrader hätten mir Tipps zu der Frage gegeben, die
mich in 90 Prozent aller Fälle fuchst: Warum soll ich mit dem oder der
überhaupt ein Schwätzchen halten oder - vor allem - fortsetzen? Oder:
Wie komme ich heil von der elenden Tratschtante (m/w) fort?
Schließlich hat, das haben Ethnologen längst herausgefunden, "Small Talk", nicht erst in seiner Erscheinungsform "Tratsch" auch die Funktion sozialer Kontrolle und Hierarchiebildung. Was hindert den Häuptling, mich armen Indianer den Bisons zum Fraß vorzuwerfen, nur weil ich seine Angeberei mit seinem neu gekauften tiefergelegten, spoilerverzierten 400-PS-Gaul nicht für karrierenotwendiges Lagerfeuer-Small-Talk halte? Nein, vor den bösen Bisons schützen mich Hesse und Schrader nicht.
Und lassen sie mich nicht auch mit einem bösen Verdacht allein? Dem Verdacht, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, was jemand sagt oder fragt - auf den Inhalt also -, sondern dass es ausreicht, Aufmerksamkeit zu erzwingen ("So lange ich rede, tut's kein anderer.") oder dem Geschwätz-Gegenüber Aufmerksamkeit zu schenken ("Bin ich nicht großzügig, dass ich etwas von ihm/ihr erfrage?")? In mir löst weitgehend inhaltsleerer Small Talk mitunter fast körperlichen Schmerz aus. Sollten nicht auch Scherzmittel dagegen in einem "Praxisbuch Small Talk" zu finden sein?
(Sie sollten, sind es aber nicht. Darum ein freundlicher Tipp: Lesen Sie, zur Vorbereitung auf 90 Prozent allen Small Talks das herzerfrischend komische Buch des Kollegen Hannes Stein: "Endlich gedankenfrei. Handbuch für den überforderten Intellektuellen".)
Damit ich nun Ihre Aufmerksamkeit, liebe Leserin, lieber Leser, nicht überstrapaziere, möchte ich Ihnen 13 Denkanstöße zum Small Talk mit auf den Weg geben, von denen ich mich durch Herrn Hesse und Herrn Schrader inspiriert fühle (Seiten 171 und 172 ihres Werks von 174 Seiten). Befolgen Sie diese - meine! - Tipps, verfügen Sie schnell über die 90-prozentige SmaKoKo:
1. Nötigen Sie Ihren Gesprächspartner, sich zu Dingen zu äußern, die ihn nur am Rande berühren. Selbst wenn er sich windet, weil er eigentlich kein Interesse an der Sache hat, er wird sich doch wohl gut fühlen, wenn er im Mittelpunkt steht!
2. Lassen Sie alles stehen und liegen, um Ihrem Gesprächspartner Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen. - Wenn derweil in der Küche etwas anbrennt, tut das der Sache keinen Abbruch.
3. Mal geduldig und verständnisvoll zu sein, mal schlagfertig und dynamisch - das empfiehlt sich für jeden Small Talk. Hier kann ich Hesse und Schrader unumwunden zustimmen!
4. Selbst die größte Belanglosigkeit erweitert meinen Horizont auf großartige Weise. - Dabei nicht vergessen, gute Laune zu zeigen und sympathisch zu lächeln.
5. Dabei Neugierde zeigen, aber nicht zu viel. Denn sonst gehen selbst bei 90-prozentiger SmaKoKo gute Laune und sympathisches Lächeln flöten.
6. Sofern 4. und 5. eingehalten werden, hilft das Ausredenlassen, sich in stoischer Ruhe zu üben.
7. Erzählen Sie selbst etwas Interessantes, auch wenn Ihr Gegenüber es anders sieht. Dann helfen Sie ihm bei Tipp Nr. 6.
8. Blickkontakt halten ersetzt echtes Interesse perfekt.
9. Selbstbewusst auftreten ersetzt notfalls Selbstbewusstsein.
10. Prahlerei beendet unangenehme Gesprächskontakte.
11. Desgleichen: Hecheln Sie dem Thema des anderen hinterher!
12. Sprechen Sie immer leiser, wenn Sie testen wollen, ob Sie zur 10-Prozent-SmaKoKo-Gruppe gehören.
13. Lächeln macht sympathisch. Selbst wenn Sie Beileid wegen eines Todesfalls aussprechen.
Abschließend die Regel aller 90-Prozent-SmaKoKos: Wer redet, muss nicht so anstrengend herumdenken.
Mit Grüßen aus dem Trappistenkloster: Martin Rath
Köln, 12.3.2007
