Sparsam im Verbrauch? Gute Fahreigenschaften? Nicht zu viel Schnickschnack? Pflegeleichte Gesamtausstattung? - Wer sich ein Auto anschaffen möchte, studiert die Untersuchungsergebnisse der Stiftung Warentest oder des ADAC. Wer, liebe gebär- beziehungsweise zeugungslahme Akademikerinnen und Akademiker, über die Anschaffung von Kindern nachdenkt, mag sich vorab diese Bedienungsanleitung für den kostspieligen Spaß zu Herzen nehmen:
Bernhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, List Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-471-79542-1, € 18,-.
Oder Sie lassen es mit gutem Gewissen bleiben; selbst wenn das Büchlein des ehemaligen Internatsleiters Bueb über Wochen und Monate nicht aus den Bestsellerlisten verschwand. Es hat ziemlich üble Seiten, doch möchte ich mit dem Löblichen beginnen.
Einerseits:
Ich fühle mich grundsätzlich dem alten Pädagogen Bueb (Jg. 1938, studierter Philosoph und katholischer Theologe) eher verbunden als diesen merkwürden Menschen, die ich in meinem Stadtquartier beobachte. Sie werden meist „Kids“ genannt, kleiden sich mit Textilien aus dem niederpreisigen Segment, an denen asiatische Kindersklaven wegen Stoffknappheit nicht viel zu nähen hatten; Stoffknappheit, damit das neue Nabelpiercing und Arschgeweih zu sehen ist; es muss gut zu sehen sein, damit das Gehirnbranding nicht nur durch idiotische Handygespräche unter Beweis gestellt wird.
Dass mehr Disziplin den Kids nicht schaden würde, vor allem meine Nerven vor der endgültigen Zerrüttung bewahren hülfe, das weiß ich, seit ich Schüler des ehrwürdigen Konrad-Adenauer-Gymnasiums zu Langenfeld/Rhld. sprechen hörte: „Ich bin dann gegeht...“ So viel zum NRW-Abitur; klar, dass Bueb offene Ohren findet, wenn er in seinem Buch und in vielen Fernsehauftritten die Bildungsideale seiner alten Internatsschule Salem lobt. Lob & Preis insoweit für Bueb!
Auch noch einerseits:
Ich kenne die Resultate fehlender Erziehung, Menschen rund ums Jahr 1970 geboren (Namen red. geändert): Mischa, dessen Zeuger floh und der selbst vor der rächenden Kaltherzigkeit seiner Muter nicht in eine Internat mit buebisch besorgten Pädagogen, sondern nur in schwere Depressionen floh – und fliehen konnte. Steffi – ihr überfürsorglicher Vater ebnete ihr den Weg in die promiske Umschweifigkeit, ungebremst, wo ein Internat mit Girls-Peergroup gebremst hätte. Mätthes, der vor der penetranten Ironie seines Vaters in einer zynische Suchtkrankheit auswich. - Nicht zu vergessen: Kevin aus dem Plattenbauprekariat, von Mutter Jessica in der U-Bahn geschlagen. Mittelschichts-Sarah, die hört: „Sei doch endlich mal spontan!“
Andererseits:
Natürlich, alles ist der Himmel gegen jede denkbare pädagogische Privathölle. Ist wirklich alles der Himmel? Wird alles gut mit Bueb? (sprich: Bu-eb)
An allem ist zu zweifeln: Zutiefst unsympathisch ist mir die national-pädagogische Seite an Berhard Buebs Buch. Zitat: „Die Zukunft Deutschlands wird davon abhängen, dass wir die bewusste Erziehung unserer Kinder, orientiert zu gemeinsamen Maßstäben und Überzeugungen, programmatisch zum ersten Thema der Nation machen (.) [...]“ Außerdem vertritt Bueb den Gedanken, die Zukunft der Nation hänge davon ab, dass Kinder wieder Disziplin erlernten. „Nation“, so nannten die Schweinehirten in Brandenburg ihre – im gemeinsamen Stall lebenden – Schutzbefohlenen, heißt es im Wörterbuch der Gebrüder Grimm. Vom griechischen Philosophen Paton bis zum „Größten Feldherrn aller Zeiten“, Adolf H., galt: Erziehung durch den Staat dient der Enteignung der Eltern. Das sind ja Aussichten!
Der Pädagoge als nationaler Ferkelpfleger, das fördert und fordert auch Stallgeruch. Und, in der Tat: Zu den vorteilhaftesten Disziplin-Instrumenten der von ihm gelobten Internatserziehung zählt Bueb den wahren Mief der Gruppe, die soziale Kontrolle durch die Mitschüler.
Die Schattenseiten der Erziehung im Stallgeruch
erwähnt Bueb zwar, leuchtet sie aber nicht aus: So beklagt er
zwar die brutalen, demütiguenden und bisweilen tödlichen
Gruppenrituale an französischen, britischen und
US-Bildungseinrichtungen.
Dass er die elitären
Netzwerke und das undurchlässige Klassenschrankendenken, das
diese fördern, ausblendet, ist nur bedauerlich. Sarkastisches
Grinsen, die Guantanamo-Bay lässt grüßen, gerät
mir ins Gesicht, wenn ich lese: „Ein aufgeklärtes
Staatsverständnis wird heute Obrigkeit immer nur im Rahmen eines
Rechtsstaats anerkennen. Wir dürfen uns am Vorbild der alten
Demokratien orientieren, England, Frankreich und den Vereinigten
Staaten. Sie kennen keine Zweifel an der legitimen Macht des Staates
oder an der rechtmäßigen Macht von Eltern, Lehrern und
Erziehern.“
Kurz gefasst, mein Votum:
Es war etwas schönfärberisch, als der Gesetzgeber in den 70er-Jahren das Verhältnis von Eltern und Kindern mit dem juristischen Begriff „elterliche Sorge“ umschrieb. Bernhard Bueb ist noch nicht so modern, Zitat: „Der juristische Fachausdruck für die Macht der Eltern lautet „elterliche Gewalt“.“
Nein, Herr Bueb, lautet er nicht. Und das ist auch gut so.
Köln, 27.2.2007
Zur weiteren Lektüre
www.wikipedia.de : „Milgram-Experiment“, „Stockholm-Syndrom“
Platon, „Politeia“ (Res publica, Der Staat), Bücher V-VII, ergänzend dazu Karl R. Popper: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1“ sowie Ludwig Marcuse: „Der Philosoph und der Diktator. Plato und Dionys.“
