So macht der Bologna-Prozess manch Studieninteressierten einen Strich durch die Rechnung in dem er die Umstellung aller Studiengänge von Diplom- auf Bachelor- und Master-Abschlüsse bis zum Jahr 2010 festlegt.
Letzter Ausweg: Diplom-Studium in Sachsen
Wer in diesem Jahr ein Studium zum Diplom-Ingenieur beginnen möchte, kann sich noch in Sachsen einschreiben. Denn nur dort wird daran festgehalten, die Ablösung des Diploms durch Bachelor- und Masterstudiengänge nicht mitzumachen. Hier werden Diplom-Studiengänge zwar bologna-konform modularisiert, der Abschluss bleibt aber weiterhin das Diplom. Möglich macht dies das sächsische Hochschulgesetz, welches zwar eben diese Modularisierung, jedoch nicht die Art des Abschlusses vorgibt. Dies ist derzeit ein klarer Standortvorteil für die sächsischen Hochschulen. So ist zu Zeiten der allgemeinen Unsicherheit bei den Interessierten, der Ansturm auf die Diplomstudiengänge in den technischen Fakultäten noch besonders groß.
Erste wenige Jahrgänge der Bachelor of Engineering oder auch Bachelor of Science aus den restlichen 15 Bundesländern sind fertig mit der Ausbildung und müssen sich nun auch auf dem Arbeitsmarkt behaupten. Für einen Teil der Bachelor-Absolventen stellt sich die Frage nach dem anschließend möglichen aufbauenden Master-Studiengang gar nicht erst. Ist doch hier eine gute Abschlussnote – in der Regel 2,5 oder besser - des Bachelor-Studiums zugleich Aufnahmevoraussetzung für das weiterführende Studium. Laut einer Erhebung des Instituts für Wirtschaft in Köln, verweilen etwa 87 Prozent der Universitäts- und nur 60 Prozent der Fachhochschul-Ingenieure nach dem Bachelor an der Hochschule, um den Master dran zu hängen. Das bedeutet, dass ganze 23 bzw. 40 Prozent der Bachelor-Absolventen sich freiwillig oder unfreiwillig mit dem weniger qualifizierten Abschluss zufrieden geben. (Quelle: IW Köln Meldung vom 18.12.2009)
Zukunftsaussichten für Bachelors
Aber wie sind die Zukunftsaussichten der Bachelor-Absolventen der aktuellen und kommenden Jahrgänge wirklich? Wir von der Zukx-Redaktion haben in den einstellenden Unternehmen nachgefragt, ob es auch mit dem Bachelor möglich ist, einen guten Berufseinstieg zu schaffen. Und welche Chancen deutsche Ingenieure ohne Diplom im Ausland haben? Ist doch in der Vergangenheit der gute Ruf des Diplom-Ingenieurs in die ganze Welt vorausgeeilt und hat es deutschen Technikern recht leicht gemacht, auch international Fuß zu fassen.
„Bachelor Welcome“
„Bachelor Welcome“ ist Name und zugleich Programm einer Initiative der Bundesvereinigung der Arbeitgeber (kurz BDA) die 2004 bereits ins Leben gerufen wurde. In der gleichnamigen Erklärung verpflichten sich derzeit nicht weniger als 37 weltweit tätige Großunternehmen wie etwa Daimler, ThyssenKrupp, BMW, Vattenfall, BASF und viele andere dazu, die durch den Bologna-Prozess angeworfene internationale Angleichung der Studienabschlüsse unterstützend voran zu treiben.
Wird doch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bis zum Jahr 2014 ein Mangel von deutschlandweit etwa 12.000 Ingenieuren vorausgesagt, vom allgemeinen Mangel an weiblichen Absolventen technischer Fachrichtungen mal abgesehen. Die besagte Erklärung des BDA wurde zuletzt 2008 aktualisiert und unterzeichnet. Die Unterzeichner verpflichteten sich darin unter anderem dazu, „auch und gerade MINT-Bachelor-Absolventen attraktive Berufseinstiege und Karrierewege zu eröffnen“ .
MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik
Ebenso werden im selben Dokument die Hochschulen dazu aufgefordert, die Umstellung und Weiterentwicklung der technischen Studiengänge zügig voranzutreiben und die Lehrpläne zu erneuern. Auch wird die Integration von Praxiseinsätzen, als wesentliches beschäftigungsbefähigendes Element, in der Studienstruktur betont.
Markus Kampf, Leiter der Rekrutierung Europa bei der BASF SE, handelt ganz nach den Grundsätzen von „Bachelor welcome“. Kampf sieht die Vorteile der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse besonders bei der größeren Praxisnähe und den kürzeren Studienzeiten im Gegensatz zum Diplom-Ingenieur.
Chancen durch Vergleichbarkeit
Zusätzliche Chancen eröffnen laut BASF SE, die bessere internationale Vergleichbarkeit der Studenten aus aller Welt. Bachelor-Ingenieuren stünden nach seinen Angaben generell die gleichen Einsatzfelder offen wie Diplom-Ingenieuren. Einstiegsposition und -Gehalt seien ferner rein abhängig vom individuellen Erfahrungshintergrund sowie persönlichen Qualifikationen des Bewerbers. Diese würden weiterhin markt-, funktions- und leistungsorientiert festgelegt und seien nicht vorgegeben und abhängig vom Abschluss.
Markus Kumpf, Leiter Rekrutierung Europa, BASF SE:
„Die BASF sucht ständig qualifizierte, leistungsorientierte und international ausgerichtete Hochschulabsolventen aller Fachrichtungen. Besonders gefragt sind Naturwissenschaftler, hier insbesondere Chemiker, Ingenieure - hauptsächlich aus dem Bereich Verfahrenstechnik – sowie Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler.
„Unsere Erwartungen an Hochschulabsolventen bleiben mit der Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen unverändert in Bezug auf fachliche Exzellenz, nachgewiesen durch überdurchschnittliche Studienergebnisse und eine überzeugende Persönlichkeit. Darüber hinaus sind interdisziplinärer Arbeitsstil, Fähigkeit zu komplexem und vernetztem Denken, Team- und Kommunikationsfähigkeit, Führungsqualitäten, Unternehmergeist, Innovationsfähigkeit sowie durch Auslandserfahrung nachgewiesene interkulturelle Kompetenz gefragt.“
Generell spricht man bei der BASF SE dem Absolventen mit Diplom einfach andere Kompetenzen zu. Der Bachelor soll das Kernwissen und die Methoden beherrschen, nicht aber die wissenschaftliche Vertiefung. Diese Eigenschaft, die wiederum der Diplom-Ingenieur mit bringt, kann der Bachelor in einem weiterführenden Master-Studiengang oder einer Promotion erwerben, wenn er es für nötig hält und auch die Voraussetzungen erfüllt. Aber eben nur auf Wunsch und nicht verpflichtend für alle Studenten wie zur Zeit des Diplom-Ingenieurs als Paket.
Die Deutsche Telekom AG gehört ebenfalls zu den frühen Unterzeichnern der Erklärung Bachelors Welcome und hat die Anpassung an die neuen Abschlüsse auch sehr früh unterstützt. Mit der konzerneigenen Initiative Bologna@Telekom wurde zusätzlich auch die Kooperation mit der konzerneigenen Hochschule für Telekommunikation in Leipzig und zahlreichen anderen Hochschulen des Landes vorangetrieben. So wurden durch die Initiative der Telekom schon früh Bachelor-Studiengänge in dualer und berufsbegleitender Form angeboten.
Für die Absolventen der Bologna-Studiengänge sieht die Deutsche Telekom generell die gleichen Chancen wie für Diplom-Ingenieure alter Schule. Höhe der Einstiegsgehälter und mögliche Einsatzgebiete kommen „immer auf die zu besetzende Stelle und die fachlichen und persönlichen Qualifikationen des Bewerbers an“, so Dr. Peter Körner, Leiter Competence Center Human Resources Developement, auf unsere Nachfrage hin. „Eine Differenzierung alte/neue Abschlüsse erfolgt nicht“, stellt Körner zusätzlich für sein Unternehmen fest.
Dr. Peter Körner, Leiter Competence Center Human Resources Development, Deutsche Telekom AG: "Allen eingestellten Absolventen bietet das Unternehmen dieselben Einstiegsmöglichkeiten wie den Direkteinstieg Jump in! oder das High-potential-Programm Start up! an. Eine Differenzierung alte neue Abschlüsse erfolgt nicht“„Für die Einstiegsgehälter gilt das Gleiche wie für die einsatzmöglichkeiten der Absolventen. Es kommt immer auf die zu besetzende Stelle und die fachlichen wie persönlichen Qualifikationen eines Bewerbers an.“Unsere Empfehlung an "Bologna-Studierende" ist, dass Sie die Chancen, die sich durch die gestufte Studienstruktur ergeben, auch konkret nutzen. Damit meinen wir:
- Duale Bachelorangebote in Betracht ziehen, viele Unternehmen bauen die Angebote aus
- Bewusst auch nicht-konsekutive Studienform angehen, damit der Master gezielt auch zur Wissensvertiefung in einem neuen Themengebiet genutzt wird
- Berufseinstieg als Bachelor wagen, um dann mit mehr Wissen und Berufserfahrung den Master berufsbegleitend anzugehen
Persönliche Erfahrungen und individueller Erfahrungshintergrund zählen
An den aktuellen Stellenausschreibungen der Unternehmen, erkennt man, dass Bachelor- und Master bereits bei einer Vielzahl der Unternehmer als eben neuer berufsbefähigender Abschluss angekommen ist. Die Zeit der Unkenntnis seitens der Unternehmen ist weitestgehend vorbei und auch die Stellenausschreibungen sprechen mittlerweile von Bachelor- oder Master als geforderten Bildungsabschluss. Wichtiger als die Form und Art des Abschlusses sind den Unternehmen allgemein die persönlichen Eigenschaften sowie der individuelle Erfahrungshintergrund des Bewerbers. Einer Studie der Universität Kassel zufolge, haben Bachelor-Absolventen von Universitäten derzeit sogar bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt gut unterzukommen als ein Master of Engineering.
Auch der Verein deutscher Ingenieure kurz VDI sieht gute Chancen für die neue Generation Ingenieure. In der jüngsten Studie stellte der VDI im Dezember 2009 fest, dass derzeit zwar noch der Anteil von Diplom-Ingenieuren am Arbeitsmarkt überwiegt, führt diese Tatsache aber eben auch darauf zurück, dass es zum jetzigen Zeitpunkt eben erst sehr wenige Absolventen der neuen Abschlüsse gibt.
Hochschulen halten sich bedeckt
So können und wollen Hochschulen wie die RWTH Aachen sich zur allgemeinen Lage und entsprechenden Aussichten noch überhaupt nicht äußern. Die Tatsache, dass beispielsweise die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge an der RWTH Aachen erst 2007 auf Bachelor umgestellt wurden und die Regelstudienzeit in der Regel sechs Semester beträgt, führt dazu, dass die ersten entsprechenden BA-Absolventen erst nach dem Sommersemester diesen Jahres fertig werden. Entsprechende Master-Studiengänge werden hier erst aufgenommen wenn eigene Bachelor fertig sind. Erwartungsgemäß also ab dem Wintersemester 2010 bzw. Sommersemester 2011, abhängig von der Studienrichtung.
Aussichten = gar nicht so trübe
Insgesamt klingen die Aussichten gar nicht so schlecht wie die allgemein schlechte Stimmung, die derzeit über der Bologna-Reform und deren Ausführung steht. Klar ist, dass sich gut zehn Jahre nach Start der BA- und MA- Abschlüsse noch nicht alles eingespielt hat. So kämpfen besonders die Hochschulen, Professoren und Studenten mit den Hürden und Ungereimtheiten, die im Tagesgeschäft auftreten und für Unmut sorgen.
Die gute Nachricht für alle betroffenen Studenten jedoch ist, dass Bachelor und Master bei den Unternehmen als neue und uneingeschränkt ernst zu nehmende Abschlüsse angekommen ist. Dabei ist durchaus noch zwischen großen und mittleren bzw. kleineren Unternehmen zu unterscheiden. Große Unternehmen, die auch international rekrutieren, verfügen bereits über Erfahrungen mit BA-/MA-Abschlüssen aus den angelsächsischen Ländern und haben mehr variable Einstiegsmöglichkeiten zu bieten. Kleinere Unternehmen können das eben nicht und arbeiten sich aktuell in die Thematik ein. Besonders wichtig daher gerade für Bachelor: Durch Praktika Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen.
Sicherlich ist es besonders zu Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise eine gute Entscheidung, wenn die Studenten und Absolventen sich für einen aufbauenden und thematisch passenden Master-Studiengang entscheiden - Idealerweise gepaart mit weiterer Praxiserfahrung durch Praktika oder studienbegleitende Tätigkeiten als Werkstudent im Unternehmen. Denn wenn eines in den Gesprächen mit den einstellenden Unternehmen klar zu verstehen war, es ist die einschlägige Praxiserfahrung, die Bewerber - egal ob Bachelor, Master oder Diplom -, für Arbeitgeber attraktiv macht. Wenn es die Vorgaben der Hochschule zulassen, darf ein Bachelor auch ein oder gar zwei Semester länger dauern. Arbeitgebern ist ein längeres Studium mit Praxiserfahrung als Einstellungskriterium wichtiger als die Regelstudienzeit.
Peter Körner von der Deutschen Telekom AG rät den Bachelor-Absolventen aus allen Bereichen dazu, den Berufseinstieg bereits als Bachelor zu wagen um dann später mit mehr Wissen und Berufserfahrung den Master berufsbegleitend anzugehen. Und wenn Sie sich noch nicht entscheiden konnten, für welchen Masterstudiengang ihr Herz schlägt, in der folgenden Tabelle haben wir einmal einen Auszug der Möglichkeiten zusammengetragen.
Bachelor und Master