Der Vorteil: Kaum jemand sprach Englisch in der Stadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern, und so wurde Johannes Francke “relativ schnell”, wie er sagt, “flüssig in Mandarin.”
Wie ging es Ihnen damals, so weit weg von zu Hause?
Insgesamt fühlte ich mich sehr wohl in China, ich hatte kaum Heimweh und meine Gasteltern kümmerten sich sehr nett um mich. Das Einzige, an das ich mich als deutscher Gymnasiast sehr schwer gewöhnen konnte, war meine Schule: viel Disziplin, militärischer Formaldienst, Kollektivgymnastik und Frontalunterricht von 7.30 bis 19.00 Uhr.
Nach Abitur und Wehrdienst begann Johannes Francke an der TU Darmstadt mit dem Elektrotechnik-Studium und wechselte später zur TU München, an der er 2004 seinen Bachelor machte. Doch China ließ ihn nicht mehr los. Schließlich erhielt er die Gelegenheit, an der Tsinghua-Universität in Peking, die als die beste Universität des Landes gilt, seinen Master in Elektrotechnik zu machen. Nach erfolgreichem Abschluss im Februar 2007 stieg er im Juli bei McKinsey als Fellow im Asia House in Frankfurt am Main ein.
Das Asia House von McKinsey wurde im September 2004 in Frankfurt am Main gegründet. Ziel des Asia House ist es, engere Verbindungen zwischen den Kontinenten zu knüpfen. Konkret bedeutet das, sowohl europäische Unternehmen bei ihrem Engagement in Asien zu beraten als auch asiatische Kunden bei ihrer Arbeit in Europa zu unterstützen. Zurzeit gehören dem Asia House neben Consultants aus Deutschland Berater aus neun asiatischen Ländern an. Die meisten der mehr als 50 Berater sprechen mehr als drei Sprachen fließend und haben an Top-Universitäten und führenden Business Schools studiert.
Wer im Asia House als Business Analyst oder Fellow einsteigen möchte, sollte neben exzellenten Studienabschlüssen auch Englisch sowie eine asiatische Sprache wie Mandarin oder Kantonesisch fließend sprechen. Daneben werden Interesse an asien- und europaübergreifenden Herausforderungen und Kenntnisse der ostasiatischen Wirtschaft und Kultur erwartet.
Wie haben Sie nach Ihrer Erfahrung als Schüler Ihre Studienzeit in Peking erlebt?
Peking war für mich nach der Erfahrung im kleinen Tianjin viel internationaler und lebendiger. Nach acht Jahren hatte sich allerdings auch sehr viel verändert. Da die Tsinghua-Universität einen exzellenten Ruf hat, ist es für Chinesen schwierig, dort aufgenommen zu werden. Vielleicht ist das der Grund für die Konkurrenz und geringe Zusammenarbeit unter den Studierenden. Das kannte ich in dieser Form nicht aus Deutschland.
Was würden Sie Studenten empfehlen, die nach China gehen möchten?
Grundsätzlich sollten sie sich überlegen, länger als ein halbes oder ein Jahr zu bleiben. Denn erst nach einem Jahr beginnt man, richtig in die Kultur einzutauchen und die gewohnten Pfade als Ausländer zu verlassen.
Wer die Sprache wirklich lernen möchte, sollte das gar nicht erst in Peking versuchen, sondern sich dafür einen Ort in der Provinz suchen, da Peking sehr international ist und dadurch zu oft die Möglichkeit bietet, auf die englische oder deutsche Sprache auszuweichen. Für ein Praktikum ist dann wieder eine der großen Städte mit ihrer Dynamik und rasantem Wachstum zu empfehlen.
Was vermissen Sie im jeweils anderen Land?
Es ist etwas paradox, aber hier in Deutschland vermisse ich das rege Treiben auf den Straßen, die Enge und Lebendigkeit chinesischer Viertel. Wenn ich wiederum in China bin, empfinde ich genau dieses Treiben als anstrengend. Ansonsten finde ich chinesisches Fernsehen sehr langweilig – mir hat in China die Themenvielfalt des deutschen Fernsehens gefehlt.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit im Asia House?
Es ist sehr reizvoll, in einem solch internationalen Umfeld zu arbeiten und jeweils beide Seiten, also europäische wie chinesische Unternehmen, zu beraten.
Für mich ist diese Arbeit ideal: Ich kann auf beiden Kontinenten arbeiten, ohne mich für einen entscheiden zu müssen und habe ständigen Kontakt mit China. Ohne diesen würde mir auch wirklich etwas in meinem Leben fehlen.
Johannes Francke, 26, arbeitet als Fellow im Asia House der Unternehmensberatung McKinsey. In seiner Freizeit spielt er Trompete. Wenn es passt, auch im Asia House, wo ihn dann ein chinesischer Kollege am Klavier begleitet.




