Was sagt mein Zeugnis aus?

Egal ob Praktikum, Semesterjob oder die erste Stelle nach dem Studium, immer sollten Sie beim Verlassen einer Arbeitsstelle ein qualifiziertes Arbeitszeugnis bekommen. Doch was ist das genau? Welche Fallstricke können sich möglicherweise hinter wohlklingenden Formulierungen verbergen? Da in Zeugnissen nichts schlechtes stehen darf, hat sich mittlerweile ein Geheimcode eingebürgert, der positive Aussagen für eigentlich schlechte Beurteilungen findet.

Von Ute Blindert.

Doch fangen wir von ganz vorn an...

...nämlich von hinten: Wenn am Schluss eines Zeugnisses eine Formulierung zum Bedauern des Arbeitgeber über das Ausscheiden des Mitarbeiter steht, er seinen Dank für geleistete Dienste ausspricht und alles Gute für die Zukunft wünscht, entspricht dies dem Tenor eines guten bis sehr guten Zeugnisses.

Personalverantwortliche lesen Zeugnisse oft von hinten nach vorn, um schnell einschätzen zu können, ob sich das Weiterlesen lohnt.

Schlechtes Deutsch, aber...

...“stets zur vollsten Zufriedenheit“ bedeutet „sehr gut“, „stets zur vollen Zufriedenheit“ dagegen „gut“. Manche Personaler mögen argumentieren, dass es eben ein „vollstes“ nicht gibt, eingebürgert hat sich die Formulierung trotzdem.

Steht der Satz allerdings isoliert da, wird das Zeugnis auch nicht als „Sehr gut“ wahrgenommen. Dazu gehört ein insgesamt stimmiges Gesamtbild.

Versteckte Kritik im Zeugnis

Neben dem Geheimcode, der überall nachzulesen ist, gibt es viele weitere Möglichkeiten, einen Mitarbeiter zu kritisieren. Entscheidend ist dabei manchmal nicht, was im Zeugnis steht, sondern ob an manchen Stellen eben nichts steht oder eben besonders betont wird.

Selbstverständlichkeiten betonen: Die Ehrlichkeit des Buchhalters wird hervorgehoben oder die freundliche Art der Telefonistin.

Notwendiges weglassen: Im Zeugnis fehlen Teile der Tätigkeitsbeschreibung, Leistungs- und Führungsbeurteilung. Beispiele: bei einer Führungskraft fehlt die Beurteilung ihrer Leitungsfähigkeiten.

Die Nullstellentechnik: Die so genannten Nullstellen eines Zeugnisses werden mit Wörtern wie „außerordentlich“, „immer“, „stets“ oder „sehr“ gefüllt. Fehlen sie an den entscheidenden Stellen, sinkt das Niveau des Zeugnisses.

Das Gegenteil verneinen: Dazu gehören Formulierungen wie „war nicht unmotiviert“, „war nicht unhöflich“.

Entwertungen: Kleinigkeiten, die nicht viel mit der beschriebenen Tätigkeit zu tun haben, werden stark betont.

Die Reihenfolge: Wird der Vorgesetzte bei einer Führungsbeurteilung nach den Kollegen benannt, kann das auf Schwierigkeiten im Verhältnis zum Vorgesetzten hindeuten.

Kernkompetenzen immer wichtiger: Obwohl es dazu noch nicht viele Vorgaben gibt, wird die Beschreibung von Kernkompetenzen im Zeugnis immer wichtiger. Schlagworte könnten zum Beispiel interkulturelle Kompetenz, Internationalität, besondere IT-Kenntnisse und Arbeitstechniken sein. Allerdings sollten Sie darauf achten, dass diese Begriffe mit Inhalt gefüllt werden, damit Ihr Arbeitszeugnis wirklich an Wert gewinnt.

Das Unbewusste: Achten Sie darauf, wie sich das Zeugnis insgesamt anhört. Liest es sich flüssig, empfinden Sie selbst den Ton als positiv? Wenn Ihnen Zweifel kommen, dann lassen Sie Ihr Zeugnis lieber von einem Profi gegenlesen.

Zahlen zählen: Durch konkrete Zahlen, die Ihre Leistung dokumentieren, gewinnt Ihr Zeugnis zusätzlich an Substanz. Hatten Sie Personalverantwortung für 10 Mitarbeiter oder für 1000? Hat Ihr Arbeitsbeitrag den Umsatz gesteigert, um wie viel Prozent? Insgesamt ist eine Kombination aus absoluten Zahlen und Prozentangaben optimal.

Jedes Zeugnis wichtig nehmen: Auch wenn das Zeugnis momentan nicht wichtig erscheint, und es in nächster Zeit voraussichtlich nicht benötigt wird, sollten Sie es doch für wichtig erachten und sich auf jeden Fall immer eins erstellen lassen. Wer weiß, wie Ihr Berufsleben verläuft und wo Sie es vielleicht doch einmal brauchen können...

Ein vollständiges qualifiziertes Arbeitszeugnis besteht aus folgenden Abschnitten:

  • Einleitung
  • Beruflicher Werdegang
  • Beschreibung der zuletzt ausgeübten Tätigkeit

  • Leistung 1: Bereitschaft
  • Leistung 2: Befähigung
  • Leistung 3: Wissen/Weiterbildung
  • Leistung 4: Arbeitsweise
  • Leistung 5: Arbeitserfolg
  • Leistung 6: Herausragende Erfolge
  • Leistung 7: Führungsleistung
  • Leistung 8: Zusammenfassendes Leistungsurteil

  • Verhalten 1: Verhalten zu Internen
  • Verhalten 2: Verhalten zu Externen
  • Verhalten 3: Sonstiges Verhalten

  • Beendigungsformel
  • Dankes-/Bedauernsformel
  • Zukunftswünsche

  • Datum
  • Unterschrift des Zeugnisausstellers mit Angabe von Rang und Kompetenz

Buchtipp:

Arnulf Weuster, Brigitte Scheer: Arbeitszeugnisse in Textbausteinen . Rationelle Erstellung, Analyse, Rechtsfragen. 10. Auflage, Boorberg Verlag 2005, ISBN: 3-415-03441-0, € 19,90.

Ein sehr umfassender, ausführlicher Ratgeber zur Erstellung von Arbeitszeugnissen. Versehen mit zahlreichen Details, vor allem auch zu aktuellen Gerichtsurteilen, und einem Textbausteinverzeichnis, anhand dessen sich ein rechtssicheres Zeugnis erstellen lässt. Für den schnellen Überblick sicher nichts, aber wer sicher gehen will oder vielleicht selbst einen Entwurf vorlegen möchte, findet hier Rat und Hilfe.

Hilfe im Internet:

Auf der Seite von Personalmanagement Riemann gibt es eine gute Übersicht zu Form und Inhalt von Arbeitszeugnissen: www.pr-riemann.de


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